Storys aus der postfaktischen Welt

Wie der G20-Gipfel nach Hamburg kam

„Sag‘ mal“, fragte Angela ihre Beraterin, „wo sollen wir eigentlich mit unserem Gipfel hin? Bayern wieder? Das war doch prima da vor zwei Jahren. Gute Luft, tolle Foto-Motive für die Reporter, sehr abgelegen, gut zu schützen. Und die Bayern sind harte Hunde, die lassen keinen durch. Dann sparen wir uns diese ganzen Krawall-Bilder…“

„Auf keinen Fall“, unterbrach sie die Beraterin. „Das machen wir schön in Hamburg, mittendrin.“

Angela starrte sie an. „In Hamburg? Aber das wäre doch Irrsinn!“

„Wir sind im Wahljahr, meine Liebe“, erinnerte sie die Beraterin. „Hamburg ist ideal. Millionenstadt, tolle Gewalt-Szene, gut zu erreichen für Chaoten aller Art – und das Beste: eine rot-grüne Regierung.“

Angela starrte sie weiter verwirrt an. „Aber…“

 

„Ganz einfach“, sagte die Beraterin und lächelte teuflisch. „Top-Thema im Wahljahr ist die innere Sicherheit. Ich sehe es schon vor mir: Hamburg wird in Flammen aufgehen und wir können schön vorführen, wie Rot-Grün beim Thema Sicherheit versagt. Es wird herrlich!“

„Ich weiß nicht…“, sagte Angela skeptisch.

„Überleg doch mal!“, rief die Beraterin begeistert. „Die Grünen werden sofort reflexhaft die Polizei verantwortlich machen! Damit kriegen wir sie vielleicht unter fünf Prozent! Das Volk wird Bilder von brennenden Spielzeugläden sehen und toben!“

Angela runzelte die Stirn. „Aber werden dann nicht alle mich verantwortlich machen? Wenn ich jetzt sage, ich will den Gipfel in Hamburg?“

„Ach was“, winkte die Beraterin ab. „Du kennst doch die Männer. Die werden sich in Hamburg alle sofort in den Vordergrund drängen und vor jeder Kamera ungefragt jede Menge Rechtfertigungen abgeben wollen, damit sie wieder in der Tagesschau zu sehen sind.“

Angela grinste. „Stimmt. Auf die Jungs und ihren Geltungsdrang ist Verlass.“

„Ach, ja“, fügte die Beraterin hinzu, „es wäre schön, wenn du noch zwischendurch was sagen könntest, so in der Richtung ‚ich verurteile die Gewalt und danke den Einsatzkräften‘ oder so.“

Angela nickte. „Super Idee. Und was meinst du, soll ich wieder dieses rote Jackett tragen?“

„Un-be-dingt, meine Liebe“, sagte die Beraterin, strich der Kanzlerin eine Strähne aus dem Gesicht und warf einen letzten Blick auf ihr Werk. Dann packte sie Scheren, Bürsten und Haarspray wieder in ihr rosa Köfferchen, auf dem „Babsi’s mobiler Beautysalon“ stand. „Und gutes Gelingen, ne?“

Die Kanzlerin summte lächelnd und schritt zum Spiegel. Emmanuel wird die neue Frisur bestimmt gefallen.